Papageienhaltung unter tiergartenbiologischen Gesichtspunkten

Tiergartenbiologie, was ist das überhaupt?

Sie ist, vereinfacht gesagt, aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass man Wildtiere in Menschenhand nicht so halten kann, dass die Tiere ein Leben wie in freier Wildbahn führen. Dies hat dazu geführt, dass viele Tiere in Gefangenschaft nicht gesund waren, schnell gestorben sind oder Verhaltensstörungen entwickelt haben. Eine Haltung unter tiergartenbiologischen Gesichtspunkten soll genau das ausschließen. Die Haltung soll so sein, dass die Tiere gesund sind und ein starkes Immunsystem haben, dass sie älter werden als wildlebend, dass sie ihr natürliches Verhaltensrepertoire weitestgehend ausleben können (z. B. Fortpflanzung) und keine Verhaltensstörungen entwickeln.

rote VögelFoto: Zoologisch-botanischer Garten Wilhelma, Stuttgart

Die Anfänge der Tiergartenbiologie wurden bereits 1944 von Heini Hediger entwickelt, der als Zoodirektor die Defizite der Haltung von Wildtieren in Gefangenschaft natürlich hautnah vor Augen hatte. Auch heute noch lesen wir auf der Seite der deutschen Zoodirektoren: „Die Tiere werden so gehalten, dass sie in angemessener Weise ihre Bedürfnisse befriedigen und ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können. Ziel sind gesunde, sich selbst erhaltende Tierbestände (Populationen), die auch als Reservepopulationen für ihre im Freiland bedrohten Artgenossen dienen können.“

Ein hehres Ziel. Offenkundig ist jedoch, dass auch das Vorliegen einer Haltung unter tiergartenbiologischen Gesichtspunkten auslegungsfähig ist. Wann werden Bedürfnisse „in angemessener Weise“ befriedigt? Reicht zu einem Ausleben natürlicher Verhaltensweisen aus, dass Nistkästen angeboten werden, oder muss eine Kükenaufzucht ermöglicht werden? Welche Strecke muss ein Papagei fliegen können, dass man von einer Befriedigung des Flugbedürfnisses reden kann? Reichen UV-Lampen zur Bedürfnisbefriedigung aus, oder ist ein Aufenthalt im Freien erforderlich? Wo fangen Verhaltensstörungen an? Ist z. B. das „Sprechen“ bei Papageien eine Verhaltensstörung oder leben sie damit ihr natürliches Nachahmungsbedürfnis aus?

Ihr seht, Diskussionsansätze gibt es viele.

Die Wirklichkeit in den Zoos sieht heute leider oft noch so aus, dass es zumindest meinen Vorstellungen einer tiergartenbiologischen Haltung nicht entspricht. Natürlich hat sich vieles gebessert, im Vergleich zu den Zoos meiner Kindheit, aber nach oben ist sicher noch viel Luft.

RotrückenaraFoto: Rotrückenara, zoolog.-botan. Garten Wilhelma, Stuttgart

Das gilt in gleichem Maß aber auch für private Papageien- und Sittichhaltungen. Gute Anregungen hierzu gibt das Buch: „Papageienverhalten verstehen“ von Volker Munkes und Heidrun Schrooten im dortigen Kapitel „Tiergartenbiologische Gesichtspunkte“. Es wird auf die Sozialstruktur eingegangen, wobei natürlich für die Paar- oder Gruppenhaltung geworben wird, aber auch die Vermeidung von sozialem Stress angesprochen wird (z. B. bei Unverträglichkeiten). Auch wird dargestellt, dass zum Einen die Größe der Haltungssysteme wichtig ist, aber auch die Raumstrukturierung eine große Rolle für das Wohlbefinden der Tiere darstellt. Das Buch sei jedem Papageienhalter empfohlen (auch wenn es nicht ganz preiswert ist…)!

Gerade die Raumstrukturierung ist auch mir in diesem Zusammenhang ein Anliegen. Es gilt zu bedenken, dass Vögel natürlich ein Flug- und Beschäftigungsbedürfnis, ein Nagebedürfnis, aber auch ein Sicherheitsbedürfnis haben. Meiner Beobachtung nach nutzen fast alle, auch zahme Papageien, gerne Schutzzonen, Versteck- und Einnischungsmöglichkeiten. Dies kommt bei vielen Haltungen zu kurz.

Amazone5Foto: Auch zahme Papageien (hier: Amazone) lieben eine Rückzugsmöglichkeit

Weiterhin möchte ich zu bedenken geben, dass das Bedürfnis an Sonnenlicht und frischer Luft nicht unterschätzt werden sollte. Wer seine Papageien oder Sittiche in Wohnungshaltung hält, sollte sich von daher Gedanken machen, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, den Tieren dies anzubieten, und sei es nur durch einen Sonnenplatz am vergitterten offenen Fenster!

Das Wort „Tiergartenbiologie“ wird somit beim Einen gute, beim Anderen eher negative Assoziationen hervorrufen, je nachdem, welche Tiergärten und Zootiere wir auf dem Schirm haben. Es ist sicher sinnvoll, hier manches kritisch zu hinterfragen. Schnelle Änderungen bewirken können wir jedoch bei unseren eigenen Tierhaltungen, diese sollten somit in unserem Fokus sein. Ich bin da auch immer wieder am Überlegen und am Tüfteln, z. B. bezüglich Futterbeschäftigung, Beschäftigungsmöglichkeiten, Nagemöglichkeiten, frischer Luft, etc. und werde die Ergebnisse meiner Überlegungen natürlich immer mal wieder hier vorstellen. Ideen und Anregungen, Volierenfotos, etc., sind willkommen!

 

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